Rolf Kühn - Klarinette
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Rolf Kühn - Portrait von Dr. Bert Noglik

Er zählt zu den wenigen stilprägenden Solisten auf seinem Instrument. Wer immer heute an Jazzklarinettisten von Weltklasse denkt, wird unweigerlich auch an Rolf Kühn denken.

Er war einer der ersten deutschen Jazzmusiker, die bereits in den fünfziger Jahren im Ursprungsland des Jazz, in den USA, gebührende Anerkennung fanden. Dabei hat er sich nie auf seinen Erfolgen ausgeruht, sondern ständig danach gestrebt, sein Ausdrucksspektrum zu erweitern. Rolf Kühn kann auf eine gediegene klassische Ausbildung zurückblicken, verfügt über eine bravouröse Technik und weiß jahrzehntelange Erfahrungen aus unterschiedlichen Stilbereichen des Jazz einzubringen.

Im modernen Jazz hat es die Klarinette vergleichsweise schwer gehabt. Es gibt zahllose gute Saxophonisten, aber nur wenige Klarinettisten, die wirklich ein eigenes Profil ausprägen konnten. Umso bemerkenswerter erscheinen Musiker wie Rolf Kühn, denen es gelang, mit Tonbildung und Phrasierung, mit Improvisationstalent und kompositorischer Begabung, vor allem aber mit ihrer Musikerpersönlichkeit, auf dem von ihnen gewählten Instrument Maßstäbe zu setzen. Verbunden mit der Jazztradition, hat sich Rolf Kühn stets für aktuelle Spielweisen interessiert und diese mitgestaltet. Überdies ist der Klarinettist, Bandleader, Dirigent, Orchesterleiter und musikalische Direktor renommierter Bühnen auch als ein vielbeachteter Komponist und Arrangeur in Erscheinung getreten.

Rolf Kühn, geboren am 29. September 1929 in Köln, wuchs in Leipzig auf, lernte vom achten Lebensjahr an Klavier, Musiktheorie und Komposition bei Arthur Schmidt-Elsey und begann mit zwölf Jahren das Klarinettenstudium bei Hans Berninger, Solo-Klarinettist des Leipziger Gewandhausorchesters. Bereits als 17jähriger spielte Rolf Kühn als Saxophonist und Klarinettist in der Radio BigBand beim Mitteldeutschen Rundfunk, Sender Leipzig. Das von Kurt Henkels geleitete Orchester zählte zu den populärsten BigBands der Nachkriegszeit. Schon damals trat Rolf Kühn, wie man auf wieder- veröffentlichten Aufnahmen nachhören kann, mit eigenen Kompositionen und bemerkenswerten Soli hervor.

Doch Rolf Kühn drängte es weiter, und er wagte den Sprung nach dem Westen. Über Hamburg kam er 1950 nach Berlin, wo er bis 1956 als Erster Saxophonist des RIAS-Orchesters unter der Leitung von Werner Müller wirkte und überdies mit einer eigenen Jazzgruppe arbeitete. In Deutschland bereits zur Spitze gehörend und von 1954 an ständiger Gewinner der europäischen "Jazz Polls" als "bester Klarinettist", wollte es Rolf Kühn auch in den USA schaffen. Kein Geringerer als Buddy DeFranco, sein damaliges Idol und späterer Kollege in der "Clarinet Connection", ermutigte den jungen deutschen Klarinettisten, 1956 nach Amerika zu gehen.

In den USA überzeugte Rolf Kühn mit Qualität. Gemeinsam mit Caterina Valente trat er im New Yorker Hotel "Pierre" auf. Er lernte John Hammond, Benny Goodmans Schwager, kennen, wurde von diesem gefördert und mit einem eigenen Quartett präsentiert, das an prestigereichen Orten wie dem New Yorker "Birdland", dem "Blue Note" in Chicago um beim Newport Jazz Festival zu hören war. Bereits 1957 kürte das Fachmagazin "DownBeat" Rolf Kühn zum "Clarinet New Star".

Von 1958 bis 1960 spielte er in der berühmten Band von Benny Goodman, die er bei Abwesenheit des Bandleaders auch selbst leitete.
Anschließend war er, übrigens als Nachfolger Buddy DeFrancos, anderthalb Jahre Solo-Klarinettist im Orchester von Tommy Dorsey.

Nachdem Rolf Kühn auch in Amerika so ziemlich alles erreicht hatte, was man damals dort erreichen konnte, kehrte er Anfang der 60er Jahre nach Deutschland zurück. Von 1962 bis 1968 übernahm er die Leitung des NDR-Fernsehorchesters in Hamburg. In den 60er Jahren ging Rolf Kühn mit Friedrich Gulda auf Tournee. Als Mitglied der "German All Stars" reiste er nach Lateinamerika. Für das Label MPS entstanden eine Reihe von Alben in Besetzungen mit Albert Mangelsdorff, Daniel Humair, Palle Danielsson, Niels-Henning Orsted-Pedersen, Randy Brecker, Chick Corea und vielen anderen. Immer wieder arbeitete Rolf Kühn mit seinem 14 Jahre jüngeren Bruder, dem Pianisten Joachim Kühn, zusammen. Joachim Kühn, ebenfalls in Leipzig aufgewachsen, kehrte 1966, nach der Teilnahme an einem von Friedrich Gulda organisierten Wettbewerb für junge Jazzmusiker nicht merh in den Orten Deutschlands zurück. Noch im gleichen Jahr traten die beiden Brüder bei den Berliner Jazztagen und zum Newport Jazz Festival in den USA auf. Die Musik der Gruppe, die in Amerika mit John Coltranes Bassisten Jimmy Garrison für das Label Impulse ins Studio ging, strebte nach immer größeren Freiheiten. Bereits während Joachim Kühns Leipziger Zeit kam Rolf Kühn gelegentlich zu Besuch, um das in neue Spielbereiche vordringende Trio seines Bruders zum Quartett zu erweitern. Mit Unterstützung des Jazzautors und Produzenten Joachim-Ernst Berendt kam es ab Ende der 60er Jahre zu einer Vielzahl von Einspielungen von Rolf und Joachim Kühn für das Label MPS, von denen einige unter dem Titel "Music for two Brothers" unlängst wiederveröffentlicht wurden.

In den 60er Jahren entschloß sich Rolf Kühn, neue Spielbereiche, auch in den Gefilden des Free Jazz und des Jazzrock. Er beschäftigte sich intensiv mit Dirigieren und trat als Komponist für Film- und Fernsehproduktionen hervor. Neben der Arbeit als Solist und mit eigenen Gruppen übernahm er die musikalische Leitung an großen deutschsprachigen Bühnen wie dem Thalia-Theater, dem Theater an der Wien und dem Berliner Theater des Westens.
Unter den zahlreichen von Rolf Kühn realisierten Kompositionsaufträgen findet sich auch einer des EMI-Labels für Einspieglungen mit Eddie Daniels in der in der Klassik renommierten Klarinettistin Sabine Meyer und zahlreiche Arrangements für die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker.

1995 ging Rolf Kühn gemeinsam mit dem sechs Jahre älteren Buddy DeFranco auf Tournee. Seit ihrem ersten Zusammentreffen 1954 in Berlin hatten sich die beiden nicht mehr aus den Augen verloren, doch erst rund vier Jahrzehnte später standen sie - nun gleich berechtigt - nebeneinander auf der Bühne, um gemeinsam zu musizieren. Nach dem großen Erfolg der ersten Tournee reifte der Plan, einen dritten erstklassigen Klarinettisten zu integrieren. So enstand die auf internationalen Festivals wie dem Jazzfest Berlin gefeierte "Clarinet Connection" mit Rolf Kühn, Buddy DeFranco und Eddie Daniels. Zu den neueren Aktivitäten von Rolf Kühn zählt auch die Zusammenarbeit mit der Hammond-Organistin Barbara Dennerlein und dem Trompeter Till Brönner. 1996 erschien die CD "Brothers" mit Rolf und Joachim Kühn. Es folgen ein in New York produziertes Album und eine in Deutschland aufgenommene Produktion mit Rolf Kühn, die im Zusammenspiel mit herausragenden, stilistisch unterschiedlichen Persönlichkeiten wie Michael & Randy Brecker, Ornette Coleman, Dave Liebman, Albert Mangelsdorff, Till Brönner, Lee Konitz, Buddy DeFranco und Eddie Daniels den ganzen Facettenreichtum des Spiels und der musikalischen Persönlichkeit eines der herausragenden Klarinettisten unserer Zeit offenbaren.